Die Hölle auf Erden, das ist die Explosion einer Atombombe in einer Stadt wie Berlin, wenn ein gigantischer Feuerball von Millionen Grad Celsius alles zwischen Alexanderplatz und Zoo verschlingt und Hunderttausende Menschen darin verglühen wie Sägespäne. Eine dieses Todesinferno begleitende Druckwelle zerreißt im weiteren Umkreis von einigen Kilometern jegliches Gebäude. Schließlich folgt die grauenhafte Phase der Verstrahlung, in der fetzenhäutige Schwerverletzte hilfesuchend durch die Trümmer ihrer einstigen Lebenswelt irren, wo nun überall faulende Leichen herumliegen und alles hoch radioaktiv verseucht ist.
Dieser ultimative Horror, den die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki vor genau 80 Jahren im August 1945 erleben mussten, ereignete sich seitdem nie wieder, wenn auch nur knapp. Fast könnte man meinen, das Kalkül des Abschreckungsprinzips gehe auf. Dieser verrückten Annahme dürfte die Gier einer Reihe von Staaten gegenüberstehen, die Waffe selbst zu besitzen. In entlegener freier Natur fanden bereits zweitausend Kernwaffentests statt.
Es gibt keinen besseren Ausdruck für die Verachtung der Schöpfung, hier zeigt sich der ganze Wahnsinn eines verlogenen Systems, für das wir alle bürgen müssen. Gruselig ist aber auch die Liste sogenannter Broken Arrows – Atombomben, die irgendwie außer Kontrolle geraten, verschollen oder in falsche Hände gelangt sind. Was wohl aus denen geworden ist?
Verheißung Atomkraft
Auch die zivile Nutzung von Kernenergie brachte nukleare Katastrophen und Beinahe-Katastrophen, nicht nur in Tschernobyl oder Fukushima. Zu solchen Atomunfällen kam es in verschiedener Schwere bereits Dutzende Male. Hinzu kommt das weitgehend ungelöste Problem der Entsorgung von verbrauchtem Material. Weltweit existiert lediglich in Finnland ein Endlager für stärksten radioaktiven Müll, der Betriebsbeginn der Lagerstätte 60 Meter unter der Ostseeküste ist für dieses Jahr vorgesehen.
Somit bleibt die Nutzung der Atomenergie weiterhin hochriskant. Hinter der sauberen Fassade – Atomreaktoren emittieren selbst keine Treibhausgase – steckt ein schmutziges Geschäft. Auch eine optimistische Sicht lässt Zweifel, ob eine sichere und friedliche Nutzung von Kerntechnik überhaupt jemals erreicht werden kann.
Technologische Möglichkeiten können nicht einfach verboten werden, und sie stellen einen ständigen Reiz dar, aus ihnen zu schöpfen. Ist es möglich, diesen Reiz zu mindern, indem der Wahrnehmung von Atomenergie das Verheißungsvolle und Unverzichtbare genommen wird?
Eine Woche im Oktober
Das Internationale Uranium Film Festival (IUFF) widmet sich diesem gesamten Themenkomplex in all seinen Facetten. 2010 in Rio de Janeiro gegründet, quasi dort beheimatet, wird es mittlerweile auch in einer Reihe anderer großer Städte aufgeführt. Kürzlich unter die „25 coolsten Filmfestivals der Welt“ gewählt, zeigt es in Berlin in seiner zehnten Ausgabe im kommenden Oktober über 40 Filme in sechs Kinos.
Anlässlich ihres 80. Jahrestags werden die Atombombenabwürfe im Mittelpunkt stehen. Zur Eröffnung läuft der japanische Film „Silent Fallout“ im Kinosaal des Zeiss-Großplanetariums, begleitet von einer Fotoausstellung. Die Dokumentation von Regisseur Hideaki Ito setzt sich mit den Opfern der ersten US-amerikanischen Kernwaffentests auseinander und beleuchtet die radioaktive Belastung der Erde. Vermutlich wird auch „Television Event“ gespielt, der den Film „The Day After“ aus dem Jahr 1983 und seine Wirkung auf die Öffentlichkeit behandelt.
Insgesamt wird thematisch viel geboten, vom ersten Test einer A-Bombe in der Wüste von New Mexico über die Brisanz von Atomkraftwerken in Kriegen bis hin zu abgereichertem Uran für panzerbrechende Munition. Zu letzterem Thema gibt es einen Preis für den besten Film sowie am 8. Oktober im Kino Filmkunst66 eine Diskussionsveranstaltung der Internationalen Koalition zur Ächtung von Atomwaffen (ICBUW) mit angesehenen Experten.
Uranmunition schien für einige Zeit international geächtet zu sein, nachdem vor allem im Fall Serbien (Rabe Ralf August 2019, S. 16) Aufarbeitung betrieben wurde und Entschädigungen gezahlt werden müssen. Panzerbrechend wirkt nämlich auch Wolfram, und die USA hätten es schon fast bevorzugt, als der Ukrainekrieg sie dieses Vorhaben aufgeben und ihre Restbestände verfeuern ließ, erläutert der Berliner Professor für Völkerrecht und ICBUW-Sprecher Manfred Mohr im Gespräch mit dem Raben Ralf.
Die radioaktive Munition wird die ukrainische Bevölkerung unabhängig vom Kriegsausgang verlieren lassen, denn sie kontaminiert das Land auf unabsehbare Zeit, sodass Krebserkrankungen sehr ansteigen. Auswirkungen treffen auch das restliche Europa.
Im vergangenen Jahr befand man das Festival für so bedeutsam, dass es zum G20-Gipfel in Rio de Janeiro eingeladen wurde. Das war schon ein Meilenstein, meint Jutta Wunderlich, die hierzulande das Festival koordiniert. In diesem Jahr wurden die Festivalgründer Márcia Gomes de Oliveira und Norbert Suchanek mit dem „Nuclear-Free Future Award“ geehrt.
Förderung gekürzt
Das Programm steht noch nicht vollständig fest, denn durch die Kulturkürzungen des Senats und den Wegfall der Förderung durch das Umweltbundesamt ist das Festival von Geldmangel geplagt, der es erschwert, dass manche Filmcrews nach Berlin kommen. Auch auf eine Abschlussparty muss leider verzichtet werden.
„Um unser Filmfestival fortzuführen und das Bewusstsein für die Risiken der Atomkraft weiter zu stärken, benötigen wir dringend Unterstützer“, sagt Jean Denis Römer vom Festivalteam. „Es geht auch darum, unsere Reichweite zu erhöhen und mehr Publikum und Förderer zu gewinnen, da von öffentlicher Seite dieses Jahr kaum Geld bereitgestellt werden kann.“
Das Festival freut sich deshalb über jede Zuwendung, etwa wenn der Spenden-Button auf der Internetseite seinen Zweck erfüllt. Es besteht aber noch Hoffnung, dass bei vielen Filmen die Regisseure zugegen sind und für Fragen bereitstehen.
Mindestens eine Begleitausstellung sowie das „Atomic Cabaret“, ein amüsantes Bühnenprogramm mit der fabelhaften „Physik-Sängerin“ Lynda Williams, runden die unvergleichliche Filmschau ab.
