Das „Dreieck Späthsfelde“ ist ein rund 100 Hektar großes Areal in Berlin-Treptow zwischen dem Britzer Zweigkanal, dem Teltowkanal und der Königsheide. Seit dem Mauerfall und mit dem Bau der Autobahn A113 entlang des Teltowkanals steht es immer wieder im Fokus für unterschiedliche Szenarien einer Bebauung.
Um zu prüfen, ob und wie auf diesem Gebiet ein neues Stadtquartier errichtet werden kann, begann im Oktober 2024 eine vorbereitende Untersuchung laut Baugesetzbuch. Noch in diesem Sommer will der Berliner Senat das Struktur- und Nutzungskonzept für das Stadtquartier beschließen, das dann als Grundlage zur Erarbeitung eines Rahmenplans dienen soll. Schon 2022 hat sich die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN) gegen ein neues Stadtquartier in Späthsfelde ausgesprochen – mit guten Argumenten.
Die Stadtnatur in Späthsfelde, bestehend aus Kleingärten, Grünzügen und gartenbaulichen Flächen, hat eine große soziale, ökologische, klimatische und kulturhistorische Bedeutung für Berlin und die Berliner:innen. Das zeigte auch das Stimmungsbild bei der Auftaktveranstaltung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen Anfang 2025. Demnach empfanden die Teilnehmenden die „Baumschule, Kleingärten, Grünflächen, Ruhe, Natur und das Arboretum“ als „besonders toll“. Bestätigt wurde das durch berlinweite Proteste für den Erhalt der Kleingärten und eine Petition für den Erhalt der Späth’schen Baumschulen als grünes Zentrum.
Nachverdichtung sollte vorrangig im vorhandenen Bestand und auf bereits versiegelten Flächen erfolgen. Das gelingt nur, wenn in der Stadtplanung die Vermeidungs- und Minimierungsgebote des Baugesetzbuchs und des Bundesnaturschutzgesetzes stärker angewandt werden. Denn bei jeder Planung muss geprüft werden, ob das Bauvorhaben überhaupt notwendig ist, ob es an anderer Stelle naturverträglicher ausgeführt werden kann oder ob es in verkleinerter Form realisierbar ist. Die vorgeschriebenen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sowie Artenschutzmaßnahmen, die oft kaum noch in Berlin umsetzbar sind, wären dann ebenfalls entbehrlich.
Am Beispiel Späthsfelde zeigt sich die wachsende Flächenkonkurrenz in Berlin. Die Schutzgüter und Wertträger des Naturhaushalts wie Boden, Wasser, Klima und Luft, Pflanzen und Tiere sowie das Landschaftsbild und die Erholung gehen zusehends verloren. „Multicodierung“ wird nun als planerisches Zauberwort ins Spiel gebracht, um auf den verbleibenden Grün- und Freiflächen Wegeverbindungen, Erholung, Sport, Regenwassermanagement und Biodiversität zu stapeln.
Um diesen Knoten zu lösen, gibt es einen guten Vorschlag: Die Landwirtschaftsflächen in Späthsfelde sollten ökologisch aufgewertet werden – als Kompensationsflächen für Eingriffe in Natur und Landschaft andernorts. Dafür könnte das Vorkaufsrecht genutzt werden, was durch eine vom Senat 2021 erlassene Vorkaufsrechtsverordnung möglich ist. Denn die Suche nach adäquaten Ausgleichsflächen führt nicht selten dazu, dass Wohnungsbau verzögert oder sogar verhindert wird. Die Bereitstellung von Kompensationsflächen wird zunehmend zur Herausforderung. Stetige Versiegelung und Eingriffe in den Naturhaushalt machen es immer schwieriger, geeignete Flächen zu finden. Die Verlagerung nach Brandenburg ist keine Lösung, sie bedeutet für Berlin einen stetigen Verlust an Stadtnatur und Biodiversität.
In Späthsfelde hat Berlin eine Chance, seiner Verantwortung für den Artenschutz gerecht zu werden. Hier ist ein Hotspot für Amphibien, deren Populationen in den letzten Jahren stark unter Druck geraten sind. In dem Gebiet sind mit der Knoblauchkröte und der Zauneidechse mindestens zwei streng geschützte Arten etabliert, die zugleich Zielarten des Biotopverbunds sind. Der Bau eines neuen Stadtquartiers würde den Landlebensraum der Knoblauchkröte noch weiter einschränken und die lokale Population gefährden. Dass neben den Laichgewässern auch der Landlebensraum zu beachten ist, schreibt die europäische FFH-Richtlinie verbindlich vor.
Seit der Wende, besonders mit dem Bau der A113, gab es im Dreieck Späthsfelde Eingriffe in Biotope sowie Kompensationsmaßnahmen. Die Einträge im „Artenfinder“ der Stiftung Naturschutz Berlin zeigen, dass sich die dabei verdrängte Fauna inzwischen wieder etabliert hat und einige Arten, etwa Vögel der Offenlandgesellschaft, hier ihre Nische gefunden haben. Ein wichtiger Baustein hierfür sind die Kleingärten, Freiflächen und Biotopverbunde. Der Lebensraum der Knoblauchkröte wurde seit den 1990er Jahren zerschnitten, überplant und verlagert. Eine weitere, mit der Bebauung einhergehende Verkehrstrasse durch das Gebiet würde ihre Population isolieren.
Im Dreieck Späthsfelde gibt es heute noch große, zusammenhängende Lebensräume und Verbunde. Im Berliner Landschaftsprogramm ist laut dem „Programmplan Biotop- und Artenschutz“ eine „Entwicklung/Sicherung der Biotopvernetzungsfunktion auf bestehenden und künftigen Siedlungsflächen“ vorgesehen. Eingebettet in lineare Verbundstrukturen der Kanäle und Ufer sowie großflächig durch die umliegenden Gärten, Friedhöfe und Waldflächen stellt das Areal mit seinen strukturreichen Lebensräumen einen elementaren Baustein im Verbund dar.
Die geplanten rund 2.500 Wohneinheiten würden zusätzlichen Verkehr erzeugen. Schon heute führen die 20.000 bis 25.000 Kraftfahrzeuge, die pro Tag auf der Späthstraße fahren, zu Staus, zum Beispiel am Knotenpunkt der Anschlussstelle zur A113. Eine deutliche Verkehrszunahme wird dort, vor allem am Knoten Sonnenallee/Südostallee, wie auch in der Baumschulenstraße die Verkehrsprobleme deutlich verstärken. Die Erschließung des Stadtquartiers mit einer neuen Straße, der sogenannten „Verkehrslösung Späthsfelde“, wird die Probleme nicht lösen, sondern verlagern.
Für die Erschließung eines solchen neuen Stadtquartiers sollte die Straßenbahn das bevorzugte Verkehrsmittel sein. Im Entwurf für den Berliner „Nahverkehrsplan 2026–2028“ ist zwar eine Tramverbindung mit einer geplanten Inbetriebnahme zwischen 2036 und 2040 vermerkt. Es ist jedoch fraglich, ob sie rechtzeitig für das Quartier zur Verfügung steht, das Mitte der 2030er Jahre fertig sein soll.
Außerdem ist die „Verkehrslösung Späthsfelde“ Teil der im Flächennutzungsplan und im Stadtentwicklungsplan Mobilität und Verkehr enthaltenen „Südostverbindung“, die aber im weiteren Trassenverlauf über eine erhebliche Zahl von Kleingärten und Freiflächen führt, was die Eingriffe in Natur und Landschaft weiter vergrößern würde. Das tatsächliche Ausmaß der Eingriffe und Infrastrukturkosten, die das neue Stadtquartier verursachen würde, ist damit nicht abschätzbar.
Durch eine weitere Bebauung würde der Grundwasserpegel weiter sinken. In den letzten Jahrzehnten ist er in der Königsheide bereits um rund sechs Meter gesunken. Die Waldschäden sind markant. Die Königsheide ist mit dem geschützten Biotoptyp Kiefern-Eichenwald ein Relikt der einst viel größeren Cöllnischen Heide. Laut Waldzustandsbericht 2025 weisen hier 77 Prozent der Stieleichen und 35 Prozent der Traubeneichen deutliche Schäden auf.
Das gesamte Gebiet Späthsfelde befindet sich in einem Wasserschutzgebiet. Dort liegt der Grundwasserkörper „Untere Spree Berlin“. Ein neues Stadtquartier hätte auch negative Konsequenzen für den Wasserhaushalt: eine weitere Absenkung sowie Erwärmung des Grundwassers durch die Bebauung, weniger Versickerung infolge der Versiegelung und entsprechende Auswirkungen auf Ökologie und Ökosystemleistungen.
Bei einer perspektivischen Reaktivierung des Wasserwerks Johannisthal soll sogar noch Grundwasser entnommen werden. Momentan wird dies ab 2036 angestrebt, um dem steigenden Trinkwasserbedarf der Stadt gerecht zu werden. Besonders kritisch ist dabei, dass die ursprünglichen Entnahmeorte genutzt werden sollen, obwohl es hier Belastungen mit leicht flüchtigen chlorierten Kohlenwasserstoffen, Arsen und Zyaniden gibt und deshalb bereits viel Wasser im Zuge der Grundwassersanierung entnommen wird.
Trotz dieser absehbaren Verschärfung der Grundwassersituation ist in Späthsfelde als Einzugsgebiet der Wasserentnahmestellen kein Risikomanagement geplant, wie es die Wasserrahmenrichtlinie und die Trinkwasserrichtlinie fordern. In Bezug auf die Trinkwasserförderung fehlt also der Vorsorgegedanke.
Auch wenn sich die Planungen der Senatsverwaltung noch in einem frühen Stadium befinden, darf die Verantwortung für unsere Daseinsvorsorge und für Ressourcen wie das Schutzgut Wasser nicht auf weitere Planungsebenen und damit in eine ungewisse Zukunft verschoben werden. Bei der Realisierung eines neuen Stadtgebiets Späthsfelde gibt es vielerlei ungelöste Fragen und mögliche Probleme. Die Folgen müssen jedoch im Voraus abgeschätzt werden. Die BLN wird die Planungen deshalb weiterhin kritisch begleiten.
