„Es ist eine Katastrophe“, sagt Helene Abtahi, Anwohnerin und Mitglied im örtlichen Angelverein „Alte Fischwaidler“ in Berlin-Kladow. Sie beobachte tagtäglich, wie stark sich der Rückgang des Wasserspiegels im Groß Glienicker See auf die lokale Tier- und Pflanzenwelt auswirkt. Zusammen mit etwa 20 weiteren Personen steht die Anglerin auf dem alten DLRG-Steg und schaut auf den See. Der Steg liegt seit Langem auf dem Trockenen – mehrere Meter vom Rand der heutigen Wasserfläche entfernt.

Eingeladen hat die Grüne Liga zu einer Dialogveranstaltung vom „Wassernetz Berlin“, einem von der Lotto-Stiftung Berlin geförderten Verbundprojekt und zivilgesellschaftlichen Netzwerk für den Gewässerschutz.

Fische, Wasservögel und Amphibien bedroht

Seit Jahrzehnten schrumpft der Groß Glienicker See. Der Wasserspiegel ist inzwischen um rund zwei Meter gesunken. Viele Anwohner:innen verfolgen dies mit großer Sorge. Seit Jahren läuft eine lebhafte Debatte, wie die „Rettung“ des beliebten Bade- und Angelgewässers gelingen kann, das auch Lebensraum zahlreicher Wasservögel, Amphibien und Fische ist.

Die am Dialog Teilnehmenden können die unmittelbaren Folgen des sinkenden Wasserspiegels heute aus nächster Nähe erkunden. An den flachen Uferbänken auf der Berliner Seite des Sees verschwinden die ökologisch bedeutsamen Flachwasserzonen. Wo früher das Schilf noch im Wasser stand, wachsen heute sogar vereinzelt Erlen und Hasel auf trockengefallenem Grund.

Abtahi zufolge würde der Rückgang der wichtigen Lebensräume und Laichgebiete den Angelbetrieb, aber auch das Ökosystem insgesamt erheblich beeinträchtigen. Nicht nur die Fischbestände gingen drastisch zurück, auch viele Wasservögel und Amphibien seien bedroht. Einige Arten seien kaum noch anzutreffen oder schon verschwunden.

Auch die Wasserqualität ist betroffen. Schilf bindet Nährstoffe wie Phosphor, der im Übermaß zu erhöhtem Algenwachstum führen kann. Dies könnte den immer noch sehr sauberen Badesee weiter aus dem Gleichgewicht bringen – vor allem, wenn der Seespiegel, wie von vielen befürchtet, weiter absinkt.

Grundwasser in der Region geht zurück

Wie kam es zu dem drastischen Rückgang des Wasserstands? Der Groß Glienicker See teilt das Schicksal zahlreicher grundwassergespeister Seen in der Region. Die vielerorts absinkenden Grundwasserhorizonte lassen die Seewasserstände sinken. TU-Professor Ferdi Hellweger, der bei der Veranstaltung Ergebnisse des Forschungsprojekts „Cliwac“ zu Klima und Wasser vorstellt, sieht als Ursache einen deutlichen Rückgang der Grundwasserneubildung im Einzugsgebiet des Sees in den letzten zwei Jahrzehnten.

Die Modellrechnungen ergaben, dass dabei vor allem Klimaveränderungen wirken. So führen steigende Temperaturen zu mehr Wasserverlust durch Verdunstung. Auch der Rückgang der Frühjahrsniederschläge – besonders wichtig für das Auffüllen der Grundwasserspeicher – spielt eine große Rolle. Mehrere Trockenjahre haben diesen Trend noch verschärft.

Hinzu kommt eine stark überprägte Kulturlandschaft, deren Wasserrückhalt durch begradigte Flussläufe, Entwässerungsgräben und versiegelte Flächen sehr verringert wurde. Ein wesentlicher Teil des Wassers, das dem Grundwasser und den Seen zugutekommen könnte, fließt stattdessen rasch in die Havel ab und landet über die Elbe in der Nordsee. Im Gegensatz zu weit verbreiteten Annahmen zeigten die Studien auch, dass die Nutzung von Privatbrunnen oder die Trinkwasserförderung keinen bedeutenden Einfluss auf den Rückgang des Seespiegels haben.

Wasser aus der Havel einleiten?

Viele Anwohner befürchten, dass der See weiter schrumpfen oder gar austrocknen könnte, und verlangen schnelle und wirksame Lösungen. Achim Haid-Loh und seine Mitstreiter von der „Taskforce Rettet den Groß Glienicker See“ fordern die Direkteinleitung von gereinigtem Havelwasser.

Der Potsdamer Stadtverordnete Andreas Menzel (Freie Wähler), der im Ortsteil Groß-Glienicke wohnt, kritisiert diesen Vorstoß. Nach seiner Einschätzung würde das Wasser im stark abgesunkenen Grundwasserleiter rasch versickern, ohne den Seespiegel sonderlich zu beeinflussen. Zudem sei der nötige Bau und Betrieb von Rohranlagen, Pumpen und Reinigungsstufen technisch aufwendig und äußerst kostspielig. Menzel zufolge wird der See auch nicht verschwinden, sondern sich langfristig eher auf dem Niveau der über den Grundwasserkörper verbundenen Havel einpendeln, die zurzeit 30 Zentimeter unter dem Groß Glienicker See liegt.

Neue Studien kommen laut TU-Forscher Hellweger dagegen zu dem Schluss, dass eine Auffüllung des Groß Glienicker Sees durch Überleitung von gereinigtem Havelwasser durchaus sinnvoll wäre. Berechnungen hätten gezeigt, dass sich mit großen Mengen Havelwasser eine Stabilisierung oder gar langfristige Wiederanhebung der Seespiegelstände erreichen ließe. Als Vorbild dafür gilt die Grunewald-Seenkette, wo dies seit einigen Jahrzehnten erfolgreich praktiziert wird. Beim Groß Glienicker See wäre der Aufwand allerdings deutlich höher, da er weiter von der Havel entfernt ist. Zudem liegen die Grunewaldseen im direkten Einflussbereich zahlreicher Tiefbrunnen, sodass die dortige Wasserzufuhr auch als Ausgleich für diese Wasserentnahme dient.

Ökologie statt Symptombekämpfung

Manfred Schubert von der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN) weist darauf hin, dass bei allen Maßnahmen die Gewährleistung einer guten Wasserqualität des Sees und die Vorgaben der Wasserrahmenrichtlinie eine zentrale Rolle einnehmen müssen. Statt Symptome zu bekämpfen, gelte es vorrangig bei der Ursache anzusetzen und die Grundwasserneubildung im Einzugsgebiet des Sees insgesamt zu fördern. Flächendeckende naturbasierte Maßnahmen zur Stärkung der regionalen Wasserkreisläufe seien der ökologisch sensiblere Ansatz. So könnten gereinigte Abwässer auf geeigneten Flächen verrieselt, Flächen entsiegelt und Wälder umgebaut werden. Zudem sollte die Siedlungsentwicklung begrenzt und Regenwasser konsequent auf Grundstücken versickert werden. In einer solchen „Schwammlandschaft“ könne der Grundwasserspiegel dann mittel- und langfristig wieder ansteigen, was sich auch positiv und vor allem nachhaltig auf den Wasserstand der Seen auswirken würde.

Vielen der Anwesenden dauert das zu lange. Der rasche Schwund des Sees und seiner natürlichen Uferbiotope erfordere ein schnelles, entschiedenes Eingreifen. Ein sehr frustriertes Mitglied des Angelvereins bringt sogar die sofortige Einleitung großer Trinkwasser-Mengen ins Gespräch – ein Vorschlag, der wegen der bereits angespannten Trinkwassersituation kritisch gesehen wird.

Die Teilnehmenden sind sich schließlich einig, dass nun endlich gehandelt werden müsse. Eine für kommenden Juni geplante Veranstaltung, bei der die ersten Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie vorgestellt werden sollen, wird mit großer Spannung erwartet.