Der Rabe Ralf: Reka, wie kam es dazu, dass du Klimaaktivistin wurdest?
Reka Schwarzbach: Ich habe Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde studiert. Danach war ich für internationale Projekte in Island, Spanien und auch Griechenland tätig. Aber ich stellte fest, dass ich politisch in Deutschland am besten wirken kann, vor allem aufgrund der Sprache. Seit 2017 wohne ich in Cottbus und engagiere mich in der dortigen Umweltgruppe gegen den Kohleabbau in der Lausitz.
Wofür setzt sich deine Gruppe ein und was ist deine Rolle?
Wir kämpfen als Umweltgruppe Cottbus vor allem gegen die Braunkohleindustrie in der Lausitz und für einen kontrollierten Kohleausstieg. Dabei übernehme ich die Organisation der Aktionen und versuche gleichzeitig, bei Interviews, Podiumsdiskussionen und Veranstaltungen unsere Bewegung bundesweit zu vernetzen. Denn es ist entscheidend, dass wir mehr Menschen aus anderen Städten wie Berlin, Leipzig oder auch Dresden mobilisieren. Schließlich betreffen die Folgen der Kohleproduktion und der Klimakrise nicht nur die Lausitz, sondern uns alle.
Das Gesetz sieht den Braunkohleausstieg im Jahr 2038 vor – also in absehbarer Zukunft. Wieso setzt ihr euch für das Ausstiegsjahr 2030 ein – machen die acht Jahre für das Klima so einen Unterschied?
Ja, denn jeder Tag, an dem keine Kohle abgebaggert wird, bedeutet Klimaschutz. Zuerst einmal, weil das in der Erde gebundene CO₂ nicht freigesetzt wird. Hinzu kommt der größer werdende Abstand zu den Dörfern an den Tagebauen, die mit weniger Dreck und Lärm zu kämpfen hätten.
Aber auch zum Wasserschutz würde der frühere Kohleausstieg beitragen, weil weniger Wasser aus den umliegenden Gebieten abgepumpt werden muss und eine bessere Renaturierung möglich ist. Denn kleinere Tagebaulöcher bedeuten eine geringere Füllmenge für die späteren Tagebauseen. Dann wird weniger Wasser aus der Spree für das Auffüllen benötigt – was wichtig ist, da es in Zukunft infolge der Klimakrise schwieriger sein wird, den Grundwasserspiegel im Winter aufzufüllen. Dadurch ist der geregelte Ausstieg 2030 auch für die Trinkwassersituation in Berlin von Vorteil.
So gesehen war 2019 die monatelange Stilllegung des Tagebaus Jänschwalde bei Cottbus aufgrund eines Gerichtsverfahrens für uns ein riesiger Erfolg.
Wie ist die aktuelle Situation in der Lausitz bezüglich des Kohleausstiegs?
Am wahrscheinlichsten ist ein Kohleausstieg Anfang der 2030er Jahre – allerdings als unkontrollierter Strukturbruch. Das liegt an dem in der Lausitz agierenden Energiekonzern Leag, der zu dem tschechischen Unternehmen EPH mit einem Oligarchen als Chef gehört. EPH hat verschiedene Geschäftsbereiche eröffnet, sodass der Kohleabbau von den erneuerbaren Energien getrennt ist. Wenn die Kohle Anfang der 2030er Jahre nicht mehr rentabel sein wird, besteht die Gefahr, dass EPH diesen Sektor insolvent gehen lässt. Zwar würde dann keine Kohle mehr abgebaut werden, aber die Allgemeinheit würde auf den sehr hohen Kosten für die Renaturierung und den Trinkwasserschutz sitzenbleiben. Das ist ein hochgefährliches Szenario, das gerade am Horizont schimmert.
Kann die Lausitz eine lebenswerte Region bleiben, falls der Braunkohleausstieg 2030 unkontrolliert erfolgt?
Es gäbe dann keinen langsamen Wandel, den wir aber brauchen, um neue Strukturen zu schaffen. Das würden antidemokratische Kräfte nutzen, um Menschen, die sich seit Jahrzehnten mit dem Kohleabbau identifizieren, für sich zu gewinnen. Die Stimmung in der Lausitz, die jetzt schon sehr zum Rechtsextremen tendiert, kann dann noch bedrohlicher werden. Den Anwohnern kann man das nicht unbedingt zum Vorwurf machen, denn die Politik hat in den letzten Jahren die Vorbereitung auf einen strukturierten Ausstieg verschlafen. Dann würde die Lausitz weniger lebenswert für Umweltschützer, Linke, emanzipatorische Kräfte und auch für Menschen mit Migrationshintergrund werden, obwohl sie gebraucht werden, um den Fachkräftemangel auszugleichen.
Gibt es Versuche, einen Dialog zwischen euch Umweltschützern, dem Energiekonzern Leag und den Bürgern zu führen, um nachhaltige Lösungen für die Zukunft der Region zu entwickeln?
Mit den Menschen vor Ort sind wir im Austausch und verteilen auch Flyer. Außerdem machen wir regelmäßig Veranstaltungen. Allerdings hat der Austausch mit der Leag wenig Sinn, da es sich nun einmal um ein kapitalistisches Unternehmen handelt, das möglichst viel Geld erwirtschaften soll und an den Menschen und der Natur wenig Interesse hat.
Auch der Dialog mit Gewerkschaftern war bisher schwierig, da sie lediglich die Haltung der Leag wiederholten. Gemeinsam mit Politikern haben sie den Bürgern jahrelang eingeredet, nach dem Kohleausstieg werde es sehr viele Arbeitslose geben. Das wird aber nicht so kommen, weil viele bald pensioniert werden und die Jüngeren neue Berufsangebote beispielsweise von der Deutschen Bahn erhalten, die dringend Fachkräfte benötigt.
Was treibt dich als Klimaaktivistin trotz der Ablehnung in der Lausitz und allgemein in Ost-Deutschland an?
Mich treibt die Liebe zur Natur und die Sorge um die nächsten Generationen an. Schließlich sieht man schon jetzt am Waldsterben die Folgen der Klimakrise, und auch die Prognosen für Brandenburg mit der Aussicht auf Versteppung zeichnen kein positives Bild für die Zukunft. Aber ich wünsche mir, dass auch noch unsere Nachfahren die Eisvögel, Biber und Graureiher in der Lausitz erleben können.
Was steht bei euch als Nächstes an?
Im Moment kämpfen wir für ein bedrohtes Waldstück im Vorfeld des Tagebaus Nochten, das am 1. Januar zerstört werden soll. Gegen die Enteignung klagen wir gemeinsam mit den Eigentümern und veranstalten viele Aktionen, die auf unserer Homepage zu finden sind. Bis Anfang Dezember finden auch kontinuierlich Filmvorführungen der Dokumentation „Lacoma – der Kohle im Weg“ statt, bei der unsere Umweltgruppe an der Produktion beteiligt war.
Was wünschst du dir für die nächsten 20 Jahre in der Lausitz?
Vor allem noch einige Erfolge im Wasserschutz und bei der Erhaltung von Naturräumen. So hoffe ich auf tiefe und kleine Tagebauseen und darauf, dass die Elbe nicht umgeleitet wird. Ich wünsche mir, dass der Spreewald erhalten bleibt und Berlin immer genügend Trinkwasser aus der Spree hat.
Vielen Dank!

