Mit so einem großen Interesse an der Rolle der Frau in der menschlichen Frühgeschichte hat die Autorin wohl selbst nicht gerechnet: Der 2025 erschienene Band „Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte“ von Ulli Lust (Rabe Ralf April 2025, S. 27) wurde als erster Comic mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet und entwickelte sich zum Bestseller. Im Februar erschien nun der zweite Band „Schamaninnen“ und wurde prompt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Im Zentrum stehen einmal mehr die knapp 30.000 Jahre alte „Venus von Willendorf“ und weitere steinzeitliche Frauen-Statuetten. Warum wurden diese Frauen-Figuren hergestellt? Was wollten die Schöpfer*innen mit ihnen ausdrücken oder erreichen?
Es gibt unterschiedliche Interpretation dieser Zeugnisse aus der Steinzeit, auf die Ulli Lust bereits im ersten Band eingeht. Unwahrscheinlich ist, dass die Frauenfiguren Wichsvorlagen von unzivilisierten Steinzeitmännern waren, wie männliche Forscher vermutet hatten. Die Autorin folgt der These, dass die Statuetten eine spirituelle Bedeutung hatten und keine dekorative Funktion.
Egalitäre Lebensweise
Die eurasischen Mammutjäger*innen haben sich vor tausenden von Jahren grundsätzliche Fragen menschlicher Existenz gestellt: Woher kommen wir, wohin gehen wir? In animistischen Vorstellungen ist die Natur „beseelt“, Mensch und Tier sind nicht strikt getrennt. Ein Geist kann durchaus von einem Lebewesen zu einem ganz anderen wechseln. Das Konzept von Vaterschaft im heutigen Sinne existierte vermutlich noch nicht. Denn nicht der Mann spielte für die Zeugung eines Kindes die entscheidende Rolle, sondern der Geist, der in den Körper hineinfährt. Und ohne Vaterschaft gibt es auch kein Patriarchat (wörtlich „Herrschaft der Väter“). Es ist davon auszugehen, dass die Lebensweise der Gruppen recht egalitär war.
Auch Diesseits und Jenseits waren weniger stark getrennt. Eine Grenze, die durch Rituale überwunden werden konnte. „Wenn archäologische Artefakte an Orten des Durchgangs gefunden werden, gilt das als Zeichen des Schamanismus“, erklärt Ulli Lust. Schaman*innen waren Menschen mit besonderen Fähigkeiten, sie nutzten psychoaktive Substanzen, Trance, Ekstase für ihre Rituale.
Stellvertreter*innen?
Die Durchlässigkeit zwischen Diesseits und Jenseits war an bestimmten Orten besonders groß, beispielsweise in bestimmten Höhlen: Hier findet man die ersten Malereien der Menschheit. Das Element Feuer konnte ebenfalls ein Portal sein. Die Frauen-Statuetten wurden oft an Feuerstellen gefunden. Könnte es sein, dass die kleinen Figuren Stellvertreter*innen der Steinzeit-Schaman*innen waren, mit deren Hilfe sie durch das Feuer auf die andere Seite reisten? Ähnliche Praktiken sind von späteren Schaman*innen bekannt.
„Schaman*innen unternehmen (magische) Flüge in die Geisterwelt und sie tun es, um Probleme für das Diesseits zu lösen“, zitiert die Autorin die Anthropologin Barbara Tedlock. Selbst im Tod hatten Schaman*innen noch eine große Kraft: Einige ihrer Grabstätten wurden noch jahrhundertelang aufgesucht, wie sich daran erkennen lässt, dass zu späteren Zeitpunkten Objekte abgelegt wurden.
Kunst als Magie
Ulli Lust greift für ihre Rekonstruktion neben den archäologischen Erkenntnissen auf mündliche Überlieferungen von indigenen Kulturen zurück, denn die Steinzeitjäger*innen konnten uns keine Texte hinterlassen. Mythen können aber über sehr lange Zeiträume weitergegeben werden. Man findet vergleichbare Motive bei eurasischen und nordamerikanischen indigenen Gemeinschaften. Solche Parallelen könnten Zufall sein, es ist aber gut möglich, dass sie zurückreichen bis zu Erzählungen ihrer gemeinsamen Vorfahren, die zur Steinzeit in der Tundra lebten.
Ulli Lust erschafft für diesen zweiten Band eine Gruppe nomadischer Jäger*innen, die immer wieder auftauchen und die wir in ihrem Alltag begleiten bis hin zu einschneidenden Lebenssituationen von Geburt bis Tod. So lernen wir auch die fiktionale Schöpferin der „Venus von Willendorf“ kennen. Kunst und Magie waren noch nicht voneinander getrennt. Wie der britische Autor Alan Moore im Comic sagt: „Magie in ihrer frühen Form wird oft ‚die Kunst‘ genannt. Ich glaube, das ist wörtlich zu verstehen.“
Ulli Lust schafft, während sie prähistorische Kunst interpretiert, ihr eigenes Kunstwerk und schreibt in einem Panel: „Während ich diesen Comic zeichne, nutze ich meine Intuition ganz selbstverständlich als Werkzeug. Mit den Jahren und wachsender Erfahrung habe ich gelernt, die Sensitivität für Eingebungen zu erhöhen. Ideen kommen mir oft im Halbschlaf, im Traum sogar.“
Farbenfroh, berührend, lebendig
Wie schon im ersten Band bietet der Comic einen großen Reichtum an wissenschaftlich fundierten Fakten und detailgetreuen Darstellungen archäologischer Objekte, was beim Lesen durchaus Konzentration erfordert. Und dann die beeindruckende Szenerie, vor der sich die Rahmenhandlung abspielt: Mit Mammuts und riesigen Herden von Rentieren, die durch die weite Landschaft preschen. Mit Bären, die von den Menschen sowohl verehrt als auch getötet werden – aber das ist schon okay, denn Leben und Tod sind nur zwei Seiten derselben Medaille.
„Erzählungen aus der Vergangenheit sind immer Spekulation“, erklärt uns die Autorin, „sonst müssten wir uns mit reiner Dokumentation begnügen. Die Urgeschichte werden wir stets neu erfinden.“ Und was für eine farbenfrohe, berührende und lebendige Neuerfindung Ulli Lust uns hier geschenkt hat!
Rezension zu:
- Autor
- Ulli Lust
- Titel
- Die Frau als Mensch: Schamaninnen
- Verlag
- Reprodukt Verlag, Berlin 2026
- Seiten, Preis
- 304 Seiten, 29 Euro
- ISBN
- 978-3-95640-494-8
