In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts richteten mehr und mehr Autoren ihren Blick auf ökologische Aspekte in ihren Geschichten – vom französischen Science-Fiction-Schriftsteller Jules Verne bis zum britischen Sozialisten William Morris. Sie stehen am Anfang des Genres der Ökofiktion. Eine Sonderstellung unter ihnen nimmt aber unbestreitbar William Morris ein.
Morris war Maler, Vertreter der Arts-and-Crafts-Bewegung, Autor und Sozialist. Seine politische Heimat fand er in der Socialist League, einer Strömung des britischen Sozialismus, die sich grob als libertärer Marxismus umschreiben lässt. Er schuf mit „Kunde von Nirgendwo“ – 1890 als Fortsetzungsroman in der sozialistischen Zeitschrift „Commonweal“ erschienen – die erste ökologische Utopie und legte damit einen Grundstein für das, was wir heute vorrangig mit Ursula Le Guin („Das Wort für Welt ist Wald“) oder Ernest Callenbach („Ökotopia“) assoziieren.
Im Jahr 1901 erschien die erste deutschsprachige Übersetzung. Die Verbindung zum Genre der utopischen Literatur zeigt sich dabei schon im Titel – „Nirgendwo“ ist die Übersetzung des Begriffs Utopie.
Naturschonende Produktion
Der Roman erzählt die Geschichte von William Guest, der auf dem Rückweg von der Versammlung der Socialist League einschläft – und in einer fernen Zukunft in London wieder aufwacht. In jenem zukünftigen London sind die Ziele der Socialist League verwirklicht – die Wirtschaft wurde auf Share Economy umgestellt, die Gleichberechtigung der Geschlechter ist erreicht und Arbeit ist keine Last mehr, sondern dient der Selbstverwirklichung.
Das Wichtigste aber: Die Produktion geschieht im Einklang mit der Natur. Die nach wie vor aktuelle Frage, wie sich ressourcenschonend produzieren lässt, ohne die Umwelt zu belasten, wird hier schon behandelt. Die Folgen der Umstellung bemerkt der Protagonist beim Anblick der Themse – die nicht mehr der viel besungene „dirty river“ ist und auch gar nicht mehr wie eine Kloake stinkt:
„Ich wollte fragen: ‚Ist denn dies wirklich die Themse?‘, war aber vor Staunen sprachlos und ließ meine Augen verdutzt nochmals ostwärts nach der Brücke und von da nach den Ufergestaden Londons schweifen, und da gab’s wahrlich zum Verwundern mehr als genug. Denn obwohl sich eine Brücke über den Strom spannte und Häuser am Strande waren, hatte sich doch über Nacht alles merkwürdig verändert. Die Seifensiedereien mit ihren rauchspeienden Schornsteinen waren verschwunden, die Bleiwerke fort, und der Westwind trug von Torneycroft kein Schmiede- und Hämmergetöse mehr herüber.“
Sozialistisch, ökologisch, dezentral
Der Clou des Buches war und ist eigentlich, dass es die Erfüllung der Ziele der Socialist League in Romanform mit Science-Fiction-Elementen darstellt. Gleichzeitig ist es aber auch der erste bekannte Text, der sozialistische Ideen mit ökologischen Fragen kombiniert – gut 80 Jahre, bevor so etwas wie ein Ökosozialismus als Reaktion auf den Schock durch den berühmten Bericht des Club of Rome auftaucht. William Morris stellt hier bereits die Frage, wie der Schutz von Natur und Umwelt mit der Produktion von Gütern vereinbart werden kann. Eine Frage, die ja stets aktuell ist.
Der Roman selbst steht in einer Tradition sozialistischer Utopien und Science Fiction im ausgehenden 19. Jahrhundert – allen voran Edward Bellamys drei Jahre zuvor erschienener Roman „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“, von dem zum Beispiel Ernest Callenbach in „Ökotopia“ (1975) Anleihen nimmt.
Im Gegensatz zu Bellamy, der von führenden Kommunist:innen wie Clara Zetkin wiederholt zur Lektüre empfohlen wurde, ist Morris’ Utopie sehr Anarchismus-affin. Weder schwebt ihm wie bei Bellamy ein System der Planwirtschaft vor noch will er eine Zentralisierung der Verwaltung. Für ihn ist Dezentralisierung ein wichtiger Bestandteil einer zukünftigen sozialistischen Ordnung.
Morris lesen
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Roman in sozialdemokratischen Kreisen in Deutschland verbreitet. Wilhelm Liebknecht brachte ihn in Deutschland heraus, danach geriet er eine Weile in Vergessenheit. Ab 1968 wurde der Roman wiederentdeckt und von unterschiedlichen Verlagen mehrfach neu publiziert, zuletzt 2016 in der Edition Nautilus.
Die anderen politischen und auch kunsttheoretischen Schriften von William Morris sind im deutschsprachigen Raum wenig bekannt. Zum 125-jährigen Erscheinen der ersten Übersetzung wäre es an der Zeit, ihn mal wieder zu lesen – und nicht nur das eine Werk, sondern auch seine anderen Texte. Morris hat in vielerlei Hinsicht leider seine Aktualität behalten.
Rezension zu:
- Autor
- William Morris
- Titel
- Kunde von Nirgendwo
- Untertitel
- Mit einem Nachwort von Wolfgang Haug
- Verlag
- Edition AV, Lich 2013
- Seiten, Preis
- 192 Seiten, 16 Euro
- ISBN
- 978-3-86841-089-1
