Mit Gewalt geht alles besser“, sang einst ironisch die Hamburger Punkband Die goldenen Zitronen. Für viele Menschen – gerade auch in unserer Gegenwart – scheint Gewalt ein adäquates Mittel der Konfliktaustragung zu sein. Umso wichtiger sind Publikationen wie die hier von Franz Josef Wetz vorgelegte Schrift „Exzesse: Wer tanzt, tötet nicht“.

In dieser Studie untersucht der Ethik- und Philosophieprofessor die Gründe für die Bereitschaft des Menschen, anderen Menschen Gewalt anzutun – und wie man diese Triebe in einer sozial verträglichen Art und Wiese sublimieren kann.

Schläger und Einpeitscher

Gewalt erscheint dabei als ein vielschichtiges und omnipräsentes Phänomenen. Hauptgegenstand der Studie ist personelle Gewalt, konkret gesagt: Im Buch „wird Gewalt primär als bewusste körperliche Schadenszufügung verstanden“.

Wetz thematisiert dabei allerdings auch – ohne Bezug auf den norwegischen Friedensforscher Johan Galtung zu nehmen – Formen von kultureller Gewalt: „Die Mittäterschaft religiöser oder politischer Überzeugungen an Gräueltaten ist offensichtlich. Quer durch die Geschichte waren politische und religiöse Anschauungen für Kriege und Grausamkeiten aller Art verantwortlich.“

Gleichzeitig ist er selber pessimistisch: „Eine gewaltfreie Gesellschaft wird es niemals geben.“ Sehr kritisch ist er auch gegenüber vermeintlich zu rechtfertigender „revolutionärer Gewalt“. Befreiungs- und Revolutionskriege sind für ihn ebenfalls Gewaltakte und nicht legitim. Die Ebene der strukturellen Gewalt wird von Wetz dagegen nicht weiter verfolgt.

Genuss als Gegenteil von Kapitalbildung 

Seine Untersuchung teilt er in drei etwa gleich große Teile ein. Im ersten Teil betrachtet der Autor Gewaltexzesse wie religiöse Opferrituale oder Gladiatorenspiele. Dabei spürt er unterschiedlichen Facetten der Gewalt sowie auch deren Ursachen nach. Hervorzuheben sind seine fundierten Bemerkungen über die Religionen inklusive der häufig als friedlich oder friedliebend wahrgenommenen christlichen Religion – mit Rückgriff auf Friedrich Nietzsche.

Der zweite Teil widmet sich geläufigen Vorkehrungen gegen Gewalt, das heißt den kulturellen Versuchen, die grausame Ader des Menschen zu unterdrücken. Inwiefern das funktioniert, sehen wir leider täglich.

Im dritten Teil geht es um sozial verträgliche Gelegenheiten, jene dem Menschen innewohnende Neigung zur Gewalt auszuleben. Beispiele hierfür reichen von stark ritualisierten Kneipenschlägereien über Pogo- und Moshpit-Erfahrungen auf Hardcore- und Metalkonzerten bis zu sexpositiven Partys konsensuell gelebten Sadomasochismus – Stichwort BDSM. Ein Schwerpunkt wird dabei auf die Ebene der Erotik gelegt.

Franz Josef Wetz endet mit den Worten: „Jubelfeiern der Lust sind so beliebt, weil sie den Körper mit Wogen freigesetzter Botenstoffe durchfluten. Unklar ist nur, wie sie sich in unseren geordneten Alltag einfügen lassen, ohne dass der Einzelne und die Gesellschaft hieran Schaden nehmen. Eines aber ist sicher: Das Fest des Lebens kann nicht warten.“

Dies ergibt sich für ihn aus der Erkenntnis: „Die genießende Hingabe an das Leben ist das blanke Gegenteil von streng geregelter Arbeit, Gewerbefleiß, Gelderwerb, Sparzwang, Kapitalbildung und Anhäufung von Kapitalerträgen.“

Spannend und lebendig

Die von Wetz verwendeten Referenzen sind vielseitig und reichen von religiösen Überlieferungen über soziologische und sozialpsychologische Studien wie die von Stanley Milgram bis zu literarischen Texten – Jean Genet, Marquis de Sade, Georges Bataille, Georges Sorel, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud – oder Aktionskunst – Antonin Artaud, Hermann Nitsch, um jeweils die wichtigsten zu nennen. Das macht seine Studie sehr spannend und lebendig.

Ein paar Aspekte fehlen dabei, unter anderem die explizite Geschlechterperspektive, die sich bei der Thematik regelrecht aufdrängt, oder auch Charles Fourier und sein späterer Schüler Herbert Marcuse.

Insgesamt hinterlässt die Analyse einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits stellt der Autor sehr gut und fundiert das Thema Gewalt und Grausamkeit dar, andererseits fehlt das Innovative. Die genannten Beispiele und Referenzen sind wohlbekannt und wurden schon zigfach bemüht, von de Sade über Bataille bis zum Milgram-Experiment. Hier hatte sich der Rezensent ein paar neue oder weniger bekannte Bezüge erhofft.

Für eine erste Beschäftigung mit dem Themenkomplex Gewalt und Grausamkeit ist das Werk ein guter und fundierter Einstieg, auch wenn es wenig Erkenntnis bietet, die über den aktuellen Stand der Forschung zu Gewalt hinausgeht. Das Bekenntnis zur Lebensfreude ist sicherlich ein sympathischer Aspekt des Buches – und eine gute Legitimation für den eigenen, sozial verträglichen Exzess.


Leserbrief

Lästige Opfer von Gewalttaten

Was bedeutet denn in der Thematik des Buches „Exzesse“ die Beschreibung „sozialverträglich“? Es kann ja davon ausgegangen werden, dass ein Großteil der Menschen, die den unterlegenen Part in sogenannten SM-Spielen „wählen“, auch in ihren sonstigen gesellschaftlichen Rollen eher in der unterlegenen Position zu finden sind. Menschen, die ihre Rollen verinnerlicht haben oder die anhand der vorhandenen Gegebenheiten einfach nur „realistisch“ bleiben, würden sich vielleicht ganz anders entscheiden, wenn es in dieser Welt eine wirklich freie Entscheidungsmöglichkeit gäbe.

Und damit bin ich wieder bei der bekannten Behauptung, dass die Rollenmuster, die im Beziehungsleben ausgelebt werden, nur eine Spiegelung beziehungsweise Stabilisierung der gesellschaftlichen Zustände sind (wobei noch die speziellen Wirtschaftsfaktoren der Prostitution hinzukommen). Ausnahmen bestätigen die Regel, wobei auch von dieser Hoffnung Wirtschaftszweige profitieren (siehe Eva Illouz).

Natürlich fragt man sich bei den Justizskandalen von Otto Muehl, Gisèle Pelicot oder Jeffrey Epstein, ob die Opfer wirklich nicht gemerkt haben, was passiert. Man könnte auch fragen: Warum fliegen Vögel in Gefangenschaft nicht weg, wenn man die Käfigtür öffnet? Wie schaffen Dompteure es, Tiger dahin zu bringen, durch einen brennenden Reifen zu springen? Oder auf einen Pferde- oder Elefantenrücken? Für Außenstehende sieht es dabei so aus, als sei das alles nicht wirklich ein Problem, sonst würde es ja nicht funktionieren. Wie funktionieren Menschen?

Ich frage mich ernsthaft, ob Kopfwissen für die Menschheit ausreicht, um grundlegende Änderungen herbeizuführen. Die Opfer von Gewalttaten werden im Gegenteil eher als lästig empfunden und gerne unter den Teppich gekehrt, ebenso störende Mahner wie etwa Denis Mukwege, Héma Sibi oder Linda Rennings.

Was man nicht kennt, glaubt man nicht. Vielleicht muss man, um Schlimmeres zu verhindern, das Kind tatsächlich mal in die Flamme greifen lassen, damit es kapiert, was „heiß“ bedeutet. Dazu würde ich den beiden Verfassern vorschlagen, von ihrem Elfenbeinturmstübchen herabzusteigen und die Welt tatsächlich aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit ein paar K.‑o.-Tropfen? Oder vielleicht eher doch einige bewusstseinserhellende Studien, die man beispielsweise wie Jack London produktiv umsetzen kann? Oder was wäre sonst noch im Rahmen der sozialen Verträglichkeit vertretbar?

Irene Klar, Berlin

Rezension zu:

Autor
Franz Josef Wetz
Titel
Exzesse
Untertitel
Wer tanzt, tötet nicht
Verlag
Alibri Verlag, Aschaffenburg, 2016
Seiten, Preis
262 Seiten, 20 Euro
ISBN
978-3-86569-197-2