„Wir verteidigen nicht die Natur, wir sind die Natur, die sich selbst verteidigt.“ An dieses alte Kampfesmotto mag zumindest der erste Band der Kindercomicreihe „Die Giganten“ erinnern. Da trifft das schottische Mädchen Erin, das ein erstaunlich gutes Händchen für die Pflanzenaufzucht hat, in einem Wald auf ein riesenhaftes Wesen, das unter anderem aus Blättern und Schlingpflanzen zusammengesetzt scheint und quasi mit dem Wald verschmelzen kann. Erin lernt, dass sie schon immer mit diesem mysteriösen Giganten verbunden war.
So ergeht es in den folgenden fünf Heften dieser Comicreihe, die auf Deutsch seit 2023 erscheint, auch anderen Kindern aus aller Welt. Jedes hat eine Verbundenheit mit einem der ursprünglich außerirdischen Giganten und kann mit ihm verschmelzen – und das tun sie dann auch im Kampf gegen den Giganten der Zerstörung, der von einem skrupellosen Milliardär aus dem ewigen Eis befreit wurde, wohin ihn die guten Giganten vor Urzeiten verbannt hatten.
Planetares Bewusstsein
Bei diesem Kampf ums Ganze geht es zwar nicht explizit um die Zerstörung des Planeten oder die Unterjochung der Menschheit in einer Diktatur des besagten Milliardärs: Zum einen ist die Handlung nicht sehr ausgefeilt, was bei einem Comic für Kinder ab neun akzeptabel ist, zum anderen ist der böse Milliardär für einen Kindercomic relativ komplex angelegt, er will sich nämlich mit Hilfe seines alle mögliche Energie absorbierenden Giganten aus dem Rollstuhl befreien und entpuppt sich als Opfer seiner unschönen Kindheit. Aber letzten Endes ist es doch ein Kampf um die Rettung des Planeten, schließlich soll ja nicht der Gigant der Zerstörung herrschen.
Verbunden wird der Konflikt mit Energiethemen. Der böse Gigant saugt eine Menge Energie auf und geht dafür nicht nur nach Tschernobyl und Fukushima, wo er die Radioaktivität aufnimmt, sondern bricht auch in aktive Atomkraftwerke ein. Das ist physikalisch Quatsch, schließlich ist die Radioaktivität nicht die Energie, die irgendetwas antreibt, aber es dient dazu, das Böse mit Atomkraftwerken zu verbinden. Der Bösewicht zerstört auch Solarparks – warum, bleibt unklar, schließlich ist er doch für jegliche Energie empfänglich.
Wegen dieser und anderer Handlungselemente können Feinde der Energiewende diese Comicserie, deren erste Staffel 2024 endete, als Propagandamittel brandmarken. Und auch sonst triefen die Hefte vor politischen Botschaften: Eines der Kinder schuftet in einer Coltanmine im Kongo, ein anderes wird von seiner Großmutter in schamanische Praktiken eingeführt und kann die gesamte Tierwelt mobilisieren; es geht gegen Umweltverschmutzung und Eurozentrismus sowie um das Zusammenhalten der Menschheit über alle sozialen Grenzen hinweg; der deutsche Sohn reicher Eltern sitzt im Rollstuhl. Die Handlung erstreckt sich über weite Teile des Erdballs. Die ganze Welt hofft auf die Kinder, zahlreiche Medienbeiträge über ihren Kampf stehen für ein planetares Bewusstsein, also eine prinzipielle Verbundenheit und gemeinsame Betroffenheit aller Menschen.
Grafisch eine Wucht
Doch jede Erziehung und medienbasierte Bildung vermittelt Grundwerte. Wer findet, dass Atomkraftwerke eine schlimme Erfindung sind und dass die Menschheit zusammenhalten und die planetaren Ressourcen schonend – oder zum Teil auch gar nicht – gebrauchen soll, der wird das seinen Kindern früher oder später auf die eine oder andere Weise vermitteln. Diese Comicreihe ist dafür gut geeignet, und sie ist toll anzusehen. Ihr ist anzumerken, dass sie aus der Comichochburg Frankreich kommt. Alle Hefte sprühen vor Farbigkeit, keine Seite gleicht der anderen, und die in großen Bildern dargestellten Kämpfe der zum Teil hochhausgroßen Giganten sind grafisch eine Wucht. Diese Serie ist somit beste Öko- und Eine-Welt-Propaganda.
Im Sommer ist nun Heft 7 erschienen, der erste Band der zweiten Staffel. Neue Giganten mit neuen Kindern treten gegen ein noch mächtigeres Obermonstrum an. Die Bedrohung kommt aus dem Weltall, und die Erdbevölkerung hofft auf die Kraft der Kinder aus aller Welt, in denen übermenschliche Fähigkeiten schlummern.
Rezension zu:
- Autor
- Lylian, Paul Drouin, Aureyre Lorien u.a.
- Titel
- Die Giganten
- Unteritel
- Band 1-10
- Verlag
- Carlsen Verlag, Hamburg 2023-2026
- Seiten, Preis
- je 56 Seiten, 12 Euro
