Wie stehen Sie zu Viren und Bakterien? Pflegen Sie einen freundschaftlichen Umgang mit ihnen oder versuchen Sie eher, ihnen aus dem Weg zu gehen? Mit Blick auf die Jahre der Corona-Pandemie, die uns wider Willen mit dem Gefahrenpotenzial und der Wandlungsfähigkeit von Viren konfrontiert hat, muss man feststellen: Bakterien und Viren sind nicht unbedingt Sympathieträger. Trotzdem spielen sie gemeinsam mit ähnlich obskuren Akteuren wie Archaeen oder Pilzen die Hauptrolle in dem Buch „Survival of the Nettest“ von Dirk Brockmann.

Es geht dem Autor zwar auch um einen Perspektivwechsel in unserer Bewertung von Bakterien und Viren, die gemessen an ihrer schier unglaublichen Vielzahl nur zu einem verschwindend kleinen Teil für Menschen pathogen sind, also Krankheiten verursachen – vor allem aber will er der vorherrschenden Erzählung von der Natur als permanentem Konkurrenzkampf eine andere Perspektive hinzufügen, nämlich die von Kooperation, Symbiose und gegenseitiger Hilfe.

Brockmanns Streifzug durch die biologische und dann auch mikrobiologische Theoriebildung, von der Entstehung der Evolutionstheorie bis zu ihrer Ergänzung durch die Genetik, ist motiviert durch eine zentrale Frage: Wie lässt sich die enorme biologische Vielfalt unseres Planeten erklären? Um dies zu ergründen, unternimmt der Autor eine Reise in die Welt der Mikroben und Viren und diskutiert an bekannten oder auch bizarr anmutenden Beispielen deren Bedeutung für die evolutionäre Entstehung der belebten Natur, wie wir sie heute kennen, aber auch für unser konkretes Leben im Hier und Jetzt. Dabei gelingt es Brockmann elegant, etabliertes Wissen der Biologie abzurufen und spannend zu erzählen.

Scheiße fressen ist gesund

Im Zentrum stehen dabei Prokaryoten, jene Lebewesen, die im Gegensatz zu den Eukaryoten (Tiere, Pflanzen, Pilze) keinen Zellkern aufweisen, nämlich Bakterien und Archaeen.  Prokaryoten machen – wussten Sie es? – im Verbund mit den Viren den größten Teil der Biodiversität und der Biomasse des Planeten aus. Diese meist einzelligen Mikroorganismen besiedeln nicht nur alle denkbaren Nischen, ob heiß, kalt, sauer oder radioaktiv, sie sind auch in letztlich allen Organismen zu finden – für die Geschichte der Vielzeller wesentlich. Mikroben ermöglichen es Organismen, eigentlich unverdauliche Materialien aufzuspalten, und helfen dadurch bei der Aufnahme wichtiger Energien. Ein Leben ohne sie ist schlicht nicht möglich.

Eine funktionierende Mikrobenwelt ist für viele Tiere von so überragender Bedeutung, dass sie im wörtlichen Sinne gewillt sind, Scheiße zu fressen, um die in den Ausscheidungen vorhandenen Mikroben aufzunehmen – kein appetitlicher Gedanke, wie Brockmann zu Recht anmerkt, jedoch es verdeutlicht, welche Rolle die Kleinstlebewesen in Organismen spielen. Aber aus Sicht von Bakterien und Viren sind wir vor allem eins: neue Lebensräume. Der Mensch selbst ist das Resultat einer erfolgreichen Besiedelung und kontinuierlichen Stabilisierung dieser ökologischen Umgebung, sprich unseres Körpers. Mit Blick auf diese Tatsache waren wir vielleicht nie wirklich Individuen, wie der kanadische Evolutionsbiologe Jan Sapp schreibt.

Verkannte Viren und Bakterien

Wer die Geschichte der Bakterien und Viren nur entlang ihrer Entwicklung als Krankheitserreger erzählt, spart den wichtigsten Teil aus: ihre Rolle als Symbionten. Als tierisches und pflanzliches Leben entstanden ist, war dieses für die Prokaryoten nur ein weiterer Besiedlungsort. Und dass dieses Leben heute noch existiert, zeigt, dass Bakterien und Co. als „Krankheitserreger eher die Ausnahme sein müssen“, denn sonst wären wir nicht mehr hier. In den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Bakterien, Archaeen und Viren sowie anderen Organismen liegt der Schlüssel für das Entstehen und die Vielfalt komplexen Lebens und seine Erhaltung. Und dieser Schlüssel heißt Kooperation.

Mikroben sind zentrale Triebkräfte biologischer Prozesse, die das beständige Kultivieren und Aufrechterhalten von Leben ermöglichen – ihre Rolle etwa als Stabilisatoren ökologischer Systeme kann kaum überschätzt werden. Sie helfen außerdem einigen Tieren bei der Tarnung, ermöglichen und steuern ihr Paarungsverhalten oder schützen Organismen vor Krankheitserregern. Das sind nur wenige der vielen Beispiele kooperativen Verhaltens, die Brockmann anführt, um einen Gedanken der US-amerikanischen Biologin Lynn Margulis zu illustrieren: „Das Leben eroberte die Erde nicht durch Kampf, sondern durch Beziehungspflege.“

„Das Leben eroberte die Erde nicht durch Kampf, sondern durch Beziehungspflege“

Lynn Margulis

Das Bild vom Beziehungsnetz macht greifbar, welche Bedeutung Kooperation nicht nur zwischen Organismen, sondern auch auf Ebene der Zellen, also innerhalb eines Organismus hat. Denn anders als im klassischen darwinistischen Gewand lässt sich das Entstehen neuer Arten nicht nur durch Formen der Konkurrenz um beschränkte Ressourcen erklären, sondern eben auch und gerade durch Formen des Zusammenwirkens. Innovation durch Kooperation – ein Grundgedanke der Symbiogenese, der lange auf Skepsis stieß. Brockmanns Buch ist damit auch eine Erzählung über ein vorherrschendes wissenschaftliches Narrativ, das sich an seinen Rändern bereits zum Dogma verhärtet hat, und über Rebell:innen des Wissenschaftssystems, deren Erkenntnisse oftmals Jahrzehnte auf Anerkennung warten mussten.

Der Grund für die Skepsis liegt auch in dominanten kulturellen Vorstellungen über „die“ Natur. Was Brockmann mit Blick auf die Verbindung zwischen dem britischen Ökonomen Thomas Malthus und dem Naturforscher Charles Darwin hervorhebt, nämlich dass hier schon „früh ein ökonomisches Prinzip einen Fingerabdruck in einer naturwissenschaftlichen Theorie hinterlassen hat“, soll sich – in dieser wie in umgekehrter Form – bis in unsere Gegenwart fortschreiben. Die Natur als Ort des Fressens und Gefressenwerdens, das „Survival of the Fittest“ scheint unmittelbar einleuchtend in einer Welt, in der offenbar alle – von Individuen bis zu Staaten – um Ressourcen konkurrieren und in einem permanenten, mitunter blutigen Wettstreit liegen.

Naturgegebenes Wirtschaftssystem? 

Dieses Bild von der Natur und ihrer Entsprechung auf kultureller Ebene entwickelte sich zusammen mit dem ökonomischen System des Kapitalismus. Die vermeintliche Plausibilität und Überlegenheit des Kapitalismus wird von dessen Verehrern und Profiteuren ja nicht zuletzt deswegen behauptet, weil er die Logik des in der Natur verankerten Prinzips von Wettbewerb und Konkurrenz auf die Struktur der Gesellschaft überträgt.

Brockmanns Buch ist auch ein biologisch informierter Kommentar auf diese Gegenwart, die in einem Rausch der Regression das Einzelkämpfertum und eine ökonomisch wie ökologisch verheerende „Wer zuerst kommt“-Mentalität zum Königsweg stilisiert. Diesem Fetisch des Wettbewerbs stellt der Autor eine bunte Sammlung erfolgreicher bis weltverändernder Kooperationen entgegen. Ein gleichermaßen unterhaltsames wie lehrreiches Buch und eine Aufforderung, sich unsere Welt kooperativer vorzustellen. Eine lohnende Aufgabe.

Rezension zu:

Autor
Dirk Brockmann
Titel
Survival of the Nettest
Unteritel
Wie die Natur durch Kooperation unsere Welt gestaltet
Verlag
DTV, München 2025
Seiten, Preis
288 Seiten, 24 Euro
ISBN
978-3-423-28465-3