Technik sollte uns ermöglichen, das Reich der Notwendigkeit zu verlassen und ins Reich der Freiheit einzutreten, schrieb Karl Marx. Seit der bürgerlichen Moderne galt Privatsphäre als Voraussetzung für Freiheit. Diese scheint im Zeitalter sozialer Medien und künstlicher Intelligenz immer weniger eine Rolle zu spielen. Was genau ist also diese Freiheit, die wir anstreben?

In der Geschichte, so Aurélien Berlan, galt Freiheit meist als Befreiung von den Tätigkeiten, die für das alltägliche Leben notwendig sind. Die Bürger Athens, die antiken wie die christlichen Philosophen sahen Tätigkeiten wie kochen, putzen, pflegen, aber auch die Produktion von Lebensmitteln und sonstigen Notwendigkeiten als niedere Tätigkeiten an. Frei konnte nur sein, wer sie an andere delegieren konnte.

Auch linke Intellektuelle übernahmen häufig diese Sichtweise. Weil sie aber für soziale Gleichheit eintraten, war ihr Ziel, alle Menschen von diesen Tätigkeiten zu befreien. Dazu sollte die Technik beitragen, darum die Technikbegeisterung bei vielen Linken. Inzwischen wissen wir, dass diese Techniken, von Beginn der Industrialisierung bis zur KI, zu neuen sozialen Ausschlüssen und Formen der Unterdrückung und Kontrolle geführt haben. Zusätzlich bringen sie uns heute an die planetaren Grenzen.

Sackgasse Technik

Berlan fragt nun, ob diese Art von Freiheit wirklich ein Wunsch der Mehrheit war oder nur der Eliten. Und die Geschichte sozialer Widerstandsbewegungen zeigt: Die Menschen wollten sich nicht von der Arbeit befreien, sondern von der Herrschaft. Sie forderten den freien Zugang zu den Mitteln der Subsistenz, vor allem zu Boden. Das zeigen die Bauernkriege mit dem Motto „Land und Freiheit“ und die Kämpfe um Land und Commons in aller Welt bis heute. Den Tätigkeiten, die fürs Leben notwendig sind, frei nachgehen zu können, ist die Voraussetzung der Freiheit, nicht ihre Begrenzung.

Mit dieser Schlussfolgerung verbindet der Autor eine späte Würdigung der Bielefelder Subsistenztheoretikerinnen, die schon vor 50 Jahren das Hoffen auf die Technik als Sackgasse sahen. Subsistenz ist bei ihnen keine individuelle, sondern eine gemeinschaftliche. Während die Bielefelderinnen von den menschlichen Bedürfnissen und den dadurch gegebenen Notwendigkeiten der Subsistenzarbeit ausgehen, kommt Berlan von der abstrakten Idee der Freiheit her zum gleichen Schluss: Wir können uns als biologische Wesen den Notwendigkeiten nicht entziehen. Erst dadurch, dass wir sie annehmen, können wir Freiheit, können wir Autonomie erlangen.

Die Rezension erschien zuerst in „Contraste – Zeitschrift für Selbstverwaltung“, Juni 2026. Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung.

Rezension zu:

Autor
Aurélien Berlan
Titel
Land und Freiheit
Untertitel
Kollektive Autonomie gegen den Wahn der Erlösung
Verlag
Mandelbaum Verlag, Wien/Berlin 2026
Seiten, Preis
304 Seiten, 23 Euro
ISBN
978-3-99136-521-1