Jürgen Manemann ist Philosoph und katholischer Theologe. In seinen Büchern „Revolutionäres Christentum“ und Rettende Umweltphilosophie“ lotet er Möglichkeiten der Schöpfungsbewahrung aus. An die jüdische Tradition anschließend, schreibt er respektvoll „G‑tt“, wenn er vom Höchsten spricht. Der Rabe Ralf sprach mit ihm über die Kirche als Machtinstrument, die göttliche Gegenmacht und die apokalyptische Vorfreude.

Der Rabe Ralf: Herr Manemann, in der Oktober/November-Ausgabe brachten wir ein wohlwollendes Porträt des Anarchokatholiken Peter Maurin. Daraufhin schrieb uns eine erboste Leserin: „An der misogynen, patriarchalen katholischen Religionsorganisation ist wahrhaftig nichts Gutes, und ihre Unterstützer sind mitverantwortlich für das, was sie weltweit anrichtet.“ Was sollen wir antworten?

Jürgen Manemann: Misogynie, Patriarchalismus, Sexismus – all das findet sich in der katholischen Kirche, und zwar nicht an ihren Rändern, sondern in ihren Zentren. Alle Katholik*innen tragen dafür eine (Mit-)Verantwortung. Gründe, aus dieser Institution auszutreten, gibt es wahrlich genug. Und dennoch bin ich weiterhin Katholik. Das lässt sich schwer rechtfertigen. Mein Lehrer, der Dominikaner Tiemo Rainer Peters, hat einmal gesagt: Ich bleibe „in der Kirche, weil die Kirche so oder so in mir bleibt – eine notorische ‚Beziehungskiste‘.“ Und dann fügte er Zeilen des argentinischen Dichters Juan Gelman an: „Man muss lernen zu widerstehen, / nicht zu gehen, nicht zu bleiben, / zu widerstehen“. Darin sehe ich meine Aufgabe: zu widerstehen.

Papst Franziskus wurde von seinen Gegnern immerhin als Ökosozialist gebrandmarkt. Tatsächlich lesen sich seine Enzykliken „Laudato si’“ von 2015 und „Laudate Deum“ von 2023 wie hellsichtige Abrechnungen mit unserem Weltvernichtungssystem. Sein Nachfolger Leo XIV. wirkt etwas zaghafter, macht aber vergleichbare Andeutungen. Ist die katholische Kirche unwiderruflich eine radikale Ökoorganisation?

Ja, das könnte so formuliert werden. Papst Franziskus hat den Schrei der „Mutter Erde“ unüberhörbar in die Kirche hineingetragen. Sein Nachfolger hat diesen Schrei verstärkt. Und dieser Schrei verlangt praktische Antworten: Taten. Die Schöpfung ist das Urmedium der Offenbarung G‑ttes. Durch die Vernichtung des Lebens wird nicht nur Leben, sondern mit dem Leben immer auch Offenbarungswirklichkeit zerstört. Die Kirche muss sich deshalb noch stärker dem extraktivistischen, Raubbau treibenden Kapitalismus entgegenstellen und das heißt, immer mehr zu einer „radikalen Ökoorganisation“ werden.

Im Heimatland des aktuellen Papstes gibt es eine Renaissance des politischen Katholizismus. US-Vizepräsident J. D. Vance ist konvertierter Katholik, der mächtige Tech-Unternehmer Peter Thiel flirtet mit der klerikalen Macht. Daneben gibt es zahlreiche katholische Onlineaktivisten wie den rechtsradikalen Nick Fuentes, die die Trump-Administration ideologisch vor sich hertreiben. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Das ist eine Perversion des politischen Katholizismus. Der Finanzinvestor und politische Stratege Peter Thiel ist kein Katholik, aber er und andere Postliberalisten und Trumpist*innen sehen in der katholischen Kirche eine Machtform, mit der sie sich verbinden wollen. Aber das setzt Thiel zufolge voraus, dass die römisch-katholische Kirche sich von den Perspektiven eines Papst Franziskus verabschiedet. Thiel schwadroniert von einem konstantinischen Christentum. Das ist seine Vision von Kirche. Die katholische Kirche soll mit dem Staat, mit den USA, unauflösbar verschränkt werden. Auch Vance will einen Katholizismus, der die ideologische Basis einer imperialistischen Politik bereitstellt. Die Wahl von Robert Francis Prevost zum Papst ist für sie natürlich ein Super-GAU. Das hatten sie sich anders vorgestellt.

Die Blaupause dieser Bewegung kann man in der rechtsextremistischen „Action française“ des Franzosen Charles Maurras finden, die sich um 1900 gründete. Den Agnostiker Maurras interessierte die Kirche als reines Herrschafts- und Ordnungsinstrument. Sie nennen das eine „Kirche ohne Jesus“. Was meinen Sie damit?

Die Frühfaschisten und alle späteren Faschist*innen sind fasziniert von der Kirche in ihrer triumphalistischen Gestalt. Diese Machtästhetik interessiert sie. Sie wollen eine bestimmte Form der Kirche, aber losgelöst von den biblischen Quellen. Sie wollen die Kirche vom Christentum und erst recht von ihren jüdischen Quellen trennen. Ihnen schwebt eine Kirche ohne den Juden Jesus vor. Eine Kirche als Nachfolgegemeinschaft, die für das menschliche und nicht-menschliche Leben kämpft, ist ihnen zuwider.

Von Maurras führt ein direkter Weg zum rechtskatholischen Juristen Carl Schmitt, dessen Ideen zur „Großraumordnung“ aus den 1930er Jahren die Trump-Regierung gerade in die Praxis umsetzt. Hat das auch etwas mit Katholizismus zu tun?

Trump selbst ist sicherlich nicht von Schmitt beeinflusst. Trump ist ein Schurke, kein Ideologe. Er steht für das „Recht des Stärkeren“. Er exekutiert seine Macht, indem er Chaos schafft. Anders sieht es bei den Ideologen des „Trumpismus“ aus, etwa bei Peter Thiel. Dieser ist von Schmitt beeinflusst, aber nicht von dessen „Großraumordnung“. Thiel ist fasziniert von der Vorstellung eines „Katechon“ – der Macht, die die Endkatastrophe aufhält. Für Thiel heißt diese Macht USA.

Schmitt hat sich als katholischer Denker verstanden, aber seine Grundannahmen sind mit katholischer Dogmatik unvereinbar. Seine Großraumordnung gründet auf einem gnostischen Dualismus von Freund und Feind, der weder mit der katholischen Anthropologie noch mit dem Anti-Dualismus der katholischen Lehre vereinbar ist. Schmitt hat eine Kernspaltung im Gottesbegriff vollzogen: auf der einen Seite der böse, jüdische Schöpfergott, auf der anderen Seite der gute christliche Erlösergott. Das ist gnostisch, anti-jüdisch und anti-katholisch! Seine Großraumordnung ist überdies Ausdruck einer antisemitischen Bodenideologie. Carl Schmitts politische Theologie ist voll von solchen Versuchungen. Der (Lebens-)Raum ist für Schmitt und andere Faschist*innen das Paradies – und die Zeit, die alles in Bewegung setzt und verändert, die Neues hervorbringen kann, das ist die Hölle.

Als Reaktion auf Schmitts „politische Theologie“ gründete sich in Deutschland die linke „Neue politische Theologie“, für die Namen wie Johann Baptist Metz, Dorothee Sölle und Jürgen Moltmann stehen. Sie selbst zählen auch zu dieser Schule. Können Sie kurz beschreiben, worin hier die Gegenposition zu Schmitt liegt?

Die Neue Politische Theologie ist mehr als das bloße Gegenteil der alten politischen Theologie. Nicht die alte politische Theologie von Carl Schmitt war ihr Ausgangspunkt. Schmitts politische Theologie beginnt bekanntlich mit der Souveränität. Ihr geht es um Macht. Die Neue Politische Theologie beginnt mit der Weltwerdung der Welt, mit dem Gedanken, die Welt freizusetzen. Es ging darum, sich in ein positives Verhältnis zur urbanen, säkularen Welt zu setzen. Die Neue Politische Theologie entwickelte sich schließlich zu einer Theologie der Welt, der es um Kooperation geht, genauer um die Kooperation allen Lebens auf dieser Welt. Wer also aus politisch-theologischer Perspektive nach dem gerechten und guten Zusammenleben fragt, bezieht dabei auch die nichtmenschlichen Kreaturen mit ein. Vertreter der alten politischen Theologie teilen dagegen die Welt in Kampfzonen auf.

In seiner sehr lesenswerten Streitschrift „Jenseits bürgerlicher Religion“ warnt Johann Baptist Metz vor der Verbürgerlichung des Christentums. Dieses sei zu einer reinen Servicereligion verkommen und habe auch deshalb seine Attraktivität verloren. Was meint er damit?

Metz hat scharfsinnig dargelegt, dass sich eine bestimmte Klasse hierzulande der Kirche bemächtigt hat: das Bürgertum. Die Bürger*innen haben aus dem messianischen Christentum eine bürgerliche Religion und aus der Kirche eine Service- und Angebotskirche gemacht. In dieser Kirche bedienen sich die Bürger*innen der Kirche, wenn sie diese für sich brauchen. Dagegen kämpfte Metz. Diese Verbürgerlichung gilt es aufzubrechen – gerade heute, angesichts eines Zustandes der Schöpfung, der Ausdruck der Verachtung G‑ttes ist. Metz setzte sich für eine nachbürgerliche Initiativkirche ein. Diese Kirche soll Neuanfänge stiften. Von der Philosophin Hannah Arendt können wir lernen: Neuanfänge gibt es nicht ohne Handeln. Eine nachbürgerliche Kirche würde Projekte mit anderen Akteur*innen initiieren, die neue Lebensformen generieren – Lebensformen, die unsere extraktivistische Zivilisation aufbrechen für Neues.

Ihre eigenen Arbeiten stellen die ökologische Frage in den Mittelpunkt. Dem Christentum wird von seinen Kritikern aber regelmäßig vorgeworfen, dass es selbst eine große Schuld an der menschlichen Naturentfremdung und Naturbeherrschung trägt. Gern zitiert man Genesis 1,28: „Macht euch die Erde untertan.“ Sogar Ökokatholiken wie Carl Amery haben das so gesehen. Ist da also etwas dran?

Ja, das Christentum trägt eine große Schuld an der ökologischen Zerstörung. Das Verhältnis von Mensch und Natur wurde und wird teilweise immer noch als eines der Unterordnung verstanden. Das führt natürlich zur Ausbeutung. Der biblische Vers Gen 1,28 gibt das so aber nicht her. Es geht hier darum, den Menschen in die Verantwortung zu rufen, sorgsam, schützend, solidarisch mit der Erde umzugehen. Schließlich gehört die Erde nicht den Menschen, sondern G‑tt. Papst Franziskus hat diese Perspektive eingebracht. Aber die Kirche muss weitere Schritte gehen. Sie muss ihren Anthropozentrismus überwinden. Es braucht eine nachanthropozentrische Perspektive. Nur sie würde dem Schöpfungsauftrag G‑ttes gerecht werden, der lautet, um den Exegeten Erich Zenger zu zitieren: „Mit Gott um das Leben kämpfen“.

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, soll Jesus gesagt haben. Müssen wir aber nicht der Erde wieder treu werden, um sie besser behandeln zu können? Brauchen wir dafür nicht eine radikale Diesseitigkeit?

Das Reich G‑ttes ist nicht mit der Welt identisch, die wir geschaffen und verunstaltet haben. Mit dieser Welt sollten wir uns nicht identifizieren. Aber diese Welt ist nicht die ganze Welt. Es gibt in dieser Welt auch eine andere Welt. Es gibt Weltbeziehungen, die nicht in unsere (System-)Welt passen, die nicht Teil unserer dominanten extraktivistischen Welt sind. Wer das Reich G‑ttes sucht, setzt bei dieser Welt an. Das Reich G‑ttes ist nicht eine Welt außerhalb dieser Welt. Diese andere Welt erfährt, wer sich radikal in diese Welt hineinbegibt. In diese Welt hineinbegeben – damit meine ich, um mit Dietrich Bonhoeffer zu sprechen, eine „tiefe Diesseitigkeit“. Tiefe Diesseitigkeit steht für die „volle Diesseitigkeit des Lebens“. Nur wer sich in tiefe Diesseitigkeit verstricken lässt, vermag überhaupt zu glauben und zu hoffen. Nur in dieser Diesseitigkeit kann der Gedanke aufblitzen, es sollte und könnte anders sein und anders werden.

Mit Blick auf die politische Weltlage und die drohenden Umweltkatastrophen haben viele das Gefühl, in apokalyptischen Zeiten zu leben. Sie erinnern in Ihren Schriften aber daran, dass die Apokalypse für Christen eigentlich etwas Gutes ist. Sollen wir uns also auf den Weltuntergang freuen?

Die biblische Apokalypse zielt nicht auf die Zerschrottung der Erde. Im Gegenteil. Die Apokalypse visioniert den neuen Himmel und die neue Erde nicht jenseits des Diesseits, sondern im Diesseits. Dabei weiß der Visionär Johannes um die Bedeutung der Körperlichkeit. So weist er auf die basale Bedeutung der Tränen hin: G‑tt „wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“. Es ist zu betonen, dass diese Geste G‑ttes und die Vision vom neuen Himmel und der neuen Erde nur denen gilt, die Tränen in den Augen haben, die mitleiden mit den von der Erhitzungskatastrophe bedrohten Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen. Die Apokalypse lehrt uns, angesichts der Katastrophen nicht zu resignieren, sondern in der Erinnerung früherer Kämpfe den Mut aufzubringen, das Menschenmögliche zu tun.

Kann nur noch ein Gott uns retten?

Jürgen Manemanns sehr lesenswerte Bücher sind im Transcript-Verlag erschienen. Viele seiner Aufsätze können online gelesen werden.
Mehr Infos:
philosophie-indebate.de/juergen-manemann

Das war die Ansicht des Nazis Martin Heidegger. Nein, die Rettung wird nicht durch den Eingriff eines „deus ex machina“, von oben herab, wie aus dem Nichts erfolgen. Die Macht G‑ttes ist anders. G‑tt steht für eine andere Macht. Diese verändert, ohne zu herrschen. Eine Macht, die aus einem Tun hervorgeht, das darin besteht, in einer aufs Äußerste berechnenden und berechneten Welt schlicht und einfach umsonst zu handeln. Erst das Umsonst schafft Raum für eine befreiende Leere – eine Leere, die Anderen nicht nur Raum eröffnet, sich selbst zu entfalten, sondern ihnen auch Handlungsraum überlässt. Und es ist diese Leere, die auch G‑tt Handlungsspielraum eröffnet. Wenn überhaupt, dann kann sich nur durch ein solches Umsonst neue Hoffnung einstellen.

Vielen Dank!