Ich denke, also bin ich“ – das ist die wohl berühmteste Aussage von René Descartes (1596-1650). Die Gewissheit, dass er existierte, ergab sich für diesen Philosophen daraus, dass er überhaupt dachte. Sinneseindrücke können täuschen, Körperfunktionen und alles Materielle sind fehleranfällig, aber das Denken zeigt das Menschsein an. Descartes’ Philosophie ging deshalb von der Unterscheidung zwischen Geist und Materie aus, wobei ersterer höherwertig ist. Mit der Vorstellung einer körperlosen Vernunft wurde er zum Vater des neueren europäischen Rationalismus.
Verbrechen im Namen der Vernunft
Die negative Seite davon: Descartes wertete alles (vermeintlich) Ungeistige ab und legte damit den Grundstein für die wohl zentrale Legitimationsideologie der europäischen Großverbrechen in den folgenden Jahrhunderten. Auf dieser Basis wurden ganze Kontinente ausgebeutet und unzählige Menschen unterdrückt, die als vernunftlos deklariert wurden. Nicht zu vergessen sind dabei die europäischen Frauen und Armen – und die Tiere. Rassistisch unterdrückte Menschengruppen wurden immer mal wieder als tierisch bezeichnet. Das lag nicht primär an ihrer vielleicht dunkleren Hautfarbe, sondern am ihnen unterstellten Mangel an Vernunft.
Wie so oft bei Ideologien, die Ungleichheit rechtfertigen, offenbarte auch Descartes logische Lücken. Dem Philosophen Tom Sorell zufolge behauptete er eine physiologische, also körperliche Grundlage für Geist und Seele, konnte aber nicht begründen, warum das nicht auch für Tiere gelten soll. Die bezeichnete er vielmehr als Maschinen. Sorell erwähnt in seinem 40 Jahre alten Einführungsbuch zu Descartes, dass einige von dessen Anhängern frustriert von der Botschaft waren, ihre geliebten Haustiere seien im Grunde Apparate.
Debatten mit dem Totenschädel
Es ist deshalb eine tolle Idee, Descartes mit sprechenden Tieren zu konfrontieren. Die Comicautorin und -zeichnerin Daria Schmitt tut das in ihrem kürzlich erschienenen großformatigen Band „Der Totenkopf aus Schweden“. Descartes’ Totenkopf lagert in Frankreichs Museum für Naturgeschichte, erwacht eines Nachts zum Leben und gerät in lange Unterhaltungen mit vielen Tierskeletten. Doch die Streitgespräche des nun körperlosen Descartes’schen Geistes (eine schöne Pointe!) mit den Leidtragenden seiner Philosophie, die die nichtmenschliche Natur total abwertet, sind leider kurz gehalten.
Die vom Totenkopf erzählte Hauptgeschichte behandelt den Umgang mit Descartes’ Überresten im Lauf der Jahrhunderte. Sie wurden mehrmals ausge- und andernorts wieder vergraben, mehrmals gab es Streit, ob sie überhaupt echt sind, mehrere Wissenschaftler versuchten das zu ergründen. Das ist insgesamt kurios, aber es ist auch billig, sich über Menschen vergangener Jahrhunderte lustig zu machen.
Dass es hier im Grunde um eine Heranführung an die Geschichte von Anatomie und Anthropologie geht, bestätigt sich am Schluss. Nach dem Comic bietet das Buch zusätzlich zwei Seiten mit Informationen zu einem Dutzend Forschern sowie vier mehrseitige Texte, von denen allerdings nur einer – und es ist der seichteste – um Descartes kreist.
Viel Schwarz-Weiß
Auf der allerletzten Seite erwähnt die Autorin, dass sie „Artist in Residence“ beim besagten Museum war. Ein dortiger Professor hat gleich drei der erwähnten vier Texte verfasst. So scheint der Comic mehr oder weniger ein Auftragswerk zu sein. Frankreichs berühmtestes Museum, der Louvre, hat schon über ein Dutzend solcher Auftragswerke veröffentlicht.
In diesem Fall ist inhaltlich zu kritisieren, dass Descartes als Lockvogel dient, um für ein Museum und einen Wissenschaftszweig Aufmerksamkeit zu erregen. Auch grafisch überzeugt der Comic nicht. Es funktioniert auf Dauer nicht gut, Diskussionen zwischen einem Totenkopf und Skeletten zu zeigen. Da sie nachts stattfinden, reicht es aus, dies in Schwarz-Weiß zu halten, aber Schmitt hat auch die vielen historischen Rückblenden nicht farbig gezeichnet, sondern nur die wenigen und wenig überzeugenden Traumsequenzen, die ein bisschen Fantastik ins Werk bringen.
Dieses Buch ist vor allem eine verpasste Chance.
Rezension zu:
- Autor
- Daria Schmitt
- Titel
- Der Totenkopf aus Schweden
- Verlag
- Splitter Verlag, Bielefeld, 2026
- Seiten, Preis
- 120 Seiten, 25 Euro
- ISBN
- 978-3-68950-141-9
