Der Soziologe Simon Schaupp hat 2021 über „Technopolitik von unten“ promoviert. 2024 ist sein Buch „Stoffwechselpolitik“ erschienen (Rabe Ralf Oktober 2024, S. 26). Derzeit leitet er das Forschungsprojekt „Ökologischer Eigensinn – Arbeitsorientierungen im Klimawandel“ am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und lehrt als Vertretungsprofessor für Technik- und Innovationssoziologie an der TU Berlin zu Themen wie „Technik und ökologische Krise“. Der Rabe Ralf sprach mit ihm über Arbeitseinstellungen, sinnlose Werbung und ökologische Politik.
Der Rabe Ralf: Die öffentliche Diskussion über die Ursachen von Klimawandel und Naturzerstörung dreht sich sehr stark um individuelle Konsumentscheidungen. In deinem jüngsten Buch plädierst du dafür, das Augenmerk vor allem auf die Produktion zu richten. Warum?
Simon Schaupp: Etwa zwei Drittel aller CO₂-Emissionen entstehen in der Produktion. Aber auch darüber hinaus wird in der Produktion der gesellschaftliche „Stoffwechsel“ mit der Natur vollzogen und diese umgeformt. In der Produktionssphäre werden also sehr viele umweltrelevante Entscheidungen gefällt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass jede Produktionspolitik auch Umweltpolitik oder eben „Stoffwechselpolitik“ ist.
Doch nur in der Erwartung des Konsums wird auch produziert. Warum hieße, unsere Aufmerksamkeit auf die Produktion zu richten, dennoch nicht, eine Einseitigkeit durch eine andere zu ersetzen?
Es geht mir darum, den Zusammenhang zwischen den beiden Sphären zu betonen. „Bedürfnisse“ werden oft überhaupt erst geweckt, weil es in der Produktion Überkapazitäten gibt. Zum Beispiel gab es in den 1960er Jahren einen großen Produktivitätssprung in der Hühnerproduktion. Deshalb wurden durch eine ganze Armee von Werbefachleuten und Produktdesignerinnen neue Produkte entwickelt und beworben, wie Caesar Salad oder Katzenfutter aus Hühnerfleisch.
Du beschreibst sehr eindrücklich die Erzeugung von Bedürfnissen nicht nur durch Werbung, sondern auch durch Veränderungen des gesellschaftlichen Stoffwechsels selbst, die aus der Lösung von Überakkumulationskrisen von Kapital resultieren. Wird beispielsweise Kapital in den Bau von Straßen und neuen Vororten investiert, dann wird – die Abwicklung des öffentlichen Nahverkehrs vorausgesetzt – das Bedürfnis nach Autos mitproduziert.
Wird jedoch nicht investiert und die Produktion nicht ausgedehnt, dann gibt es im Kapitalismus keine Arbeit und folglich keinen Absatz mehr. Der ganze Stoffwechsel kommt ins Stocken und „die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zu viel Lebensmittel produziert haben“, wie es Friedrich Engels formulierte. Ist dies nicht das grundlegendere Problem, das sich nur darin ausdrückt, dass in der Werbung immer neue Bedürfnisse geweckt werden müssen?
Genau so ist es. Im Buch verwende ich den Begriff der Nutzbarmachung, um aufzuzeigen, dass die Unterwerfung der äußeren Natur nicht einfach als Ergebnis eines enthemmten Lustprinzips verstanden werden kann. Stattdessen ging sie immer mit einer Unterwerfung der inneren Natur einher, in Form einer oft als leidvoll empfundenen Disziplinierung der Körper zur Arbeit. Denn es sind schlussendlich immer menschliche Körper, die durch ihre Arbeit den wachsenden Berg an Dingen hervorbringen, die dann konsumiert werden müssen. Die immer weiter um sich greifende Erschöpfung ist das greifbarste Symptom des Leidens an der expansiven Nutzbarmachung. Genau an diesem Leid muss eine emanzipative ökologische Politik ansetzen.
Du schreibst, dass sich im Arbeitsprozess ein spezifisches Umweltwissen herausbildet, das auch in Arbeitskämpfen immer wieder wichtig wird. Siehst du heute Ansatzpunkte dafür?
Ich habe zum Beispiel zur Wahrnehmung des Klimawandels bei Schweizer Bauarbeitern geforscht. Das ist deshalb interessant, weil der Bausektor zu den größten CO₂-Emittenten und gleichzeitig zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Branchen gehört. Mit dem vorherrschenden Klimaschutz-Diskurs konnten die meisten der von uns Befragten aber wenig anfangen. Er ist ihnen zu wissenschaftsorientiert und viele hegen ein grundsätzliches Misstrauen gegen Akademiker.
Gleichzeitig artikulieren sie aber eine vehemente ökologische Kritik an ihrer eigenen Branche. Die Argumentation ist meistens, dass die Natur genauso schlecht behandelt wird wie sie selbst. Sie stellen dann politische Forderungen auf, die diese beiden Dimensionen verbinden, etwa nach Arbeitszeitverkürzung. Zusätzlich äußern sie auf der Grundlage ihres Erfahrungswissens konkrete technische Vorschläge, wie das Bauen nachhaltiger gestaltet werden könnte.
Am Ende deines Buches plädierst du für eine „lustvolle Politik der Nutzlosigkeit“. Das beruht auf einem Begriff der Nutzbarmachung als Unterwerfung von Arbeit und Natur unter die expansive Dynamik des Kapitals. Ein Bauarbeiter, der diesen Bedingungen ausgesetzt ist, der bei seiner Arbeit fremdbestimmt und rücksichtslos verschlissen wird, wird sein Glück spontan darin erkennen, dieser Arbeit zu entfliehen, auszuspannen, nichts zu tun.
Doch ist Nutzlosigkeit noch der richtige Begriff, wenn es darum geht, dieser Welt eine andere Welt entgegenzusetzen – also der erzwungenen Arbeit eine andere Arbeit und einen anderen Stoffwechsel mit der Natur?
Weder liberale Austeritätsökologie noch sozialdemokratischer Umverteilungsproduktivismus ist dazu fähig, dem ökologischen Kollaps entgegenzutreten. Stattdessen kommt es darauf an, die expansive Nutzbarmachung zurückzudrängen. Das verspricht nicht nur konkrete Freiheits- und Lustgewinne, es ist auch die Voraussetzung dafür, jene menschlichen Kapazitäten freizusetzen, die notwendig sind, um unsere Produktionsweise an die kollabierenden Ökosysteme anzupassen.
In Bereichen wie Care oder Landwirtschaft wird ja bei einer nachhaltigen Produktionsweise viel mehr Arbeit benötigt. Es geht also nicht einfach darum, nichts zu tun, sondern darum, Nützlichkeit im planetarischen Sinne überhaupt erst möglich zu machen. Also weg von den Bullshit-Jobs, die heute einen großen Teil der Arbeit ausmachen, hin zu mehr reproduktiven Tätigkeiten.
Vielen Dank!

Die technologische Entwicklung hat inzwischen den Markt überholt. Seit einigen Jahren besteht mit der globalen Vernetzung die Möglichkeit, dass alle Menschen ihren Bedarf direkt an den Produzenten übermitteln können, der die Waren just in time bereitstellt. Das gab es bis vor einigen Jahren nicht. Bis dahin war es nötig, die Waren auf den Markt zu tragen, wo sie mit dem Lohn erworben werden mussten. Diesen Markt brauchen wir heute nicht mehr.
Wir haben ein perfekt funktionierendes Vorbild, die Reproduktion. Innerhalb der Versorgung der Familien gibt es keinen Markt. Das, was benötigt wird, wird gemacht. Mit Sorge für die Menschen und die Erde. Niemand würde auf die Idee kommen, seiner Familie täglich drei Gerichte zur Auswahl anzubieten, nur damit mehr gegessen und weggeworfen wird. Niemand putzt zweimal hintereinander das Bad. Wir sehen also, es funktioniert ganz ohne den Markt.
Die große Frage ist: Wie kommen wir dorthin, bevor die Erde untergeht?
Machen wir es doch genauso wie in den Familien. Die Hausfrau oder der Hausmann schreibt weder Rechnungen an seine Familienmitglieder, noch machen sie Lohnabrechnungen.
Was würde denn passieren, wenn wir das in der Wirtschaft genauso handhaben? Weltweit von einem Tag zum anderen? Genauso wie in den Familien das Essen wären dann alle Produkte der Wirtschaft kostenlos. Für Geschenke muss keine Werbung gemacht werden und der Wettbewerb würde sich anstatt auf Überproduktion auf die Entwicklung langlebiger und recycelbarer Produkte konzentrieren. Jeder Mensch wäre bedingungslos versorgt.
Diesen Übergang in die Postwachstumsgesellschaft würden wir kaum bemerken, denn dazu ist keine Vergesellschaftung nötig. Das Eigentum würde von ganz alleine seine ausschließende Funktion verlieren, weil mit den Einkünften aus Eigentum nichts mehr gekauft werden könnte. Was bleibt, ist nur noch die Verantwortung.